Der Strompreis-Mythos
Der Haushaltsstrompreis 2026 liegt bei 37,0 ct/kWh (3.500 kWh, Neukundentarife):
15,17 ct Beschaffung/Vertrieb, 9,26 ct Netzentgelte, 12,6 ct Steuern/Abgaben/Umlagen.
Eine EEG-Umlage kommt darin nicht mehr vor.
Quelle: BDEW-Strompreisanalyse 04/2026
Die EEG-Umlage (zuvor 3,723 ct/kWh) wurde zum 01.07.2022 auf null gesenkt und ab 2023
abgeschafft — die Förderung zahlt seither der Bundeshaushalt, nicht die Stromrechnung. Wer heute
„die Erneuerbaren machen den Strom teuer" sagt, argumentiert mit dem Stand von 2021.
Quelle: BMWE-Pressemitteilung vom 28.04.2022
Der Preisschock 2022 war ein Gaspreis-Schock: Day-Ahead-Preis 2021: 96,85 €/MWh →
2022: 235,45 €/MWh, weil Gaskraftwerke per Merit-Order den Preis setzen. PV hat keinen
Brennstoff.
Quelle: Bundesnetzagentur/SMARD
Ohne Photovoltaik wäre der Börsenstrompreis 2024 rund 15 % höher gewesen —
6,1 Mrd. € Ersparnis für Verbraucher und Industrie, ca. 48 €/Jahr je 4.000-kWh-Haushalt.
Quelle: Enervis-Studie im Auftrag des BSW-Solar; Kernzahl von Fraunhofer ISE übernommen
Struktureller Preistreiber sind die Netzentgelte — 2026 nur dank eines einmaligen
6,5-Mrd.-€-Bundeszuschusses gesunken (~100 €/Jahr Entlastung je Haushalt); der Zuschuss ist nur
für ein Jahr gesichert. Redispatch kostete 2025 rund 3,07 Mrd. € — über 96 % des
EE-Stroms wurde eingespeist.
Quellen: Bundesregierung, IWR/SMARD
Zur Ehrlichkeit gehört: Die laufenden EEG-Milliarden (16,2 Mrd. €
Finanzierungsbedarf 2026) zahlt heute der Steuerzahler statt der Stromkunde. Genau deshalb ist
relevant, dass die geplante Streichung der Kleinanlagen-Förderung daran fast nichts ändern
würde: Die Weiterförderung neuer Kleinanlagen hätte das EEG-Konto 2030 nur mit rund
160 Mio. € belastet.
Quelle: Agora Energiewende via heise
Das Déjà-vu von 2012
Nach den EEG-Kürzungen 2012 fiel die PV-Beschäftigung von 100.300 (2012) auf rund 56.000
(2013) — nahezu eine Halbierung binnen eines Jahres.
Quelle: BMWi-Forschungsbericht (DLR/GWS)
Vom Höchststand 156.700 (2011) gingen über 110.000 Solar-Jobs verloren; Tiefpunkt
~40.000 (2017), Erholung bis 2022 auf 84.100.
Quelle: Strom-Report auf Basis der BMWE/ZSW-Reihe
Der Zubau brach damals von über 8 GW (2012) auf 2,6 GW (2013) und 1,19 GW (2014) ein — mit
einer Insolvenzwelle von Solon über Q-Cells bis Solarworld (2017).
Quelle: pv magazine
Heute arbeiten über 120.000 Menschen in der PV- und Speicherbranche (EUPD-Prognose:
133.000 bis 2030), verteilt auf 18.555 Installationsbetriebe, 46 % davon
Kleinstunternehmen — Schwerpunkte Bayern (3.846), NRW (3.444), Baden-Württemberg (2.983).
Betroffene Betriebe gibt es in praktisch jedem Wahlkreis.
Quellen: BSW-Solar, Listflix
Der BSW-Solar warnt zur Novelle vor einem möglichen Nachfrageeinbruch um mehr als zwei
Drittel bei Privathaushalten und Kleingewerbe — Zehntausende Arbeitsplätze wären gefährdet
(Verbandsprognose).
Quelle: BSW-Pressemitteilung vom 24.07.2026
Und schon die Ankündigung wirkt: Das Elektrohandwerk meldete für 2025 rund 10 % Rückgang bei
PV-Dachinstallationen (395.000 → 355.000) — vor jeder Kürzung.
Quelle: ZVEH-Umfrage via pv magazine
Ausbauziel vs. Realität
§ 4 EEG legt 215 GW Solarleistung bis 2030 als gesetzliches Ziel fest — Ende 2025
waren 117 GW installiert. Nötig wären ~19,6 GW Zubau pro Jahr; der Ist-Pfad im 1. Halbjahr 2026
liegt annualisiert ~25 % darunter.
Quellen: § 4 EEG, Bundesnetzagentur
Der Einbruch im Dachsegment läuft bereits: Im 1. Halbjahr 2026 sank die Zahl neu
registrierter Anlagen um 18 % gegenüber 2025 und knapp ein Drittel gegenüber 2024;
Gewerbedächer 100–750 kW: −48 %, 30–100 kW: −39 % (jeweils Anlagenzahl). Erstmals
brachten 1.002 Freiflächenanlagen mehr Leistung als 185.000 Dachanlagen zusammen.
Quellen: logicenergy/BNetzA-Daten, Solarserver
Konservative Modellrechnung (Ableitung, Annahmen offengelegt): Bricht der Dachzubau um zwei
Drittel ein, würde das 215-GW-Ziel um rund 43 GW verfehlt und erst ~2034/35 erreicht —
die Regierung bräche mit diesem Gesetz ihr eigenes Gesetz.
Der Rahmen, in dem das geschieht: 41,8 °C am 27.06.2026 in Möckern-Drewitz
(Sachsen-Anhalt) — neuer deutscher Allzeitrekord; das RKI schätzt rund 5.100 hitzebedingte
Sterbefälle allein in der elftägigen Hitzewelle vom 18.–28.06. Die Flut 2021 verursachte über
40 Mrd. € Schaden — die teuerste Naturkatastrophe der deutschen Geschichte; eine Studie im
Auftrag des BMWK beziffert die Klimafolgekosten bis 2050 auf 280–900 Mrd. €.
Quellen: DWD, RKI, GDV, Prognos
Was es Haushalte kostet
Quellen: ADAC/BNetzA · PV2027-Studie (aquu im Auftrag des
SFV, 09.06.2026) · DGS-Marktwerte · zfk
Ehrliche Einordnung: Mit Speicher und hohem Eigenverbrauch verlängert sich
die Amortisation in optimistischeren Modellrechnungen nur um etwa 1,5 Jahre — die Novelle
träfe vor allem Anlagen ohne Speicher und die Kalkulationssicherheit. Genau diese
Differenziertheit macht die Faktenbasis glaubwürdiger als jede Panik-Zahl.